Zementfabrik Hemmoor

Gründung Die Arbeiter Bauten Das Werk Das Ende Was bleibt?



Die Arbeiter
(Aus Platzgründen wird hier nur die Situtation vor dem 1. Weltkrieg dargestellt)

Die Eröffnung des Werkes war aufgrund der Armut in den umliegenden Orten ein Segen für die Menschen. Für die Bauern war die Zementfabrik eher ein Nachteil, weil viele Arbeiter in die besser bezahlte  Industrie abwanderten. Die Arbeit in der Zementfabrik forderte keine besondere Schulausbildung. Dies war ein Vorteil, weil die meisten ärmeren Menschen damals nur eine mangelhafte Schulausbildung besaßen. Um in der Zementfabrik arbeiten zu können, musste ein Arbeiter jedoch bei guter Gesundheit sein. Gemessen an heutigen Verhältnissen war die Arbeit in der Zementfabrik "Sklavenarbeit". Der Arbeitstag dauerte mindestens zwölf Stunden. In der Fertigung musste Akkordarbeit geleistet werden, doch waren die Löhne sehr unterschiedlich, wie man nachfolgender Tabelle (um die Jahrhundertwende) entnehmen kann.

Disziplin wurde groß geschrieben. So heißt es in einer Arbeitsordnung von 1898: "Gesellen und Gehülfen können entlassen werden, wenn sie sich eines liederlichen Lebenswandels schuldig gemacht haben, wenn sie sich Thätlichkeiten oder grobe Beleidigungen gegen den Arbeitgeber oder dessen Familienangehörige zu Schulden kommen lassen, wenn sie Handlungen begehen, welche wider die guten Sitten verstoßen." Selbstverständlich war auch jede "Agitation" für politische oder religiöse Parteien auf dem Werksgelände "strengstens verboten". Die Arbeiter waren auch verpflichtet, nach Feierabend sowie an Sonn- und Feiertagen zu arbeiten, wenn der Vorgesetzte es anordnete. Urlaub gab es nicht. Bemerkenswert ist jedoch, dass bereits 1874 eine Fabrikkrankenkasse eingerichtet wurde, bevor im Zuge der Bismarckschen Sozialgesetzgebung ab 1883 weitere Gesetze erlassen wurden, die die soziale Absicherung der Arbeiter verbessern halfen.

Schon vor der Wende zum 20. Jahrhundert machte sich Arbeitskräftemangel bemerkbar. Deshalb wurden vom Werk Werber losgeschickt, um Arbeiter aus fernen Ländern anzuwerben, z.B. in Galizien, Polen, Rumänien und Italien. Das hatte auch zur Folge, dass sich in dem ehemals rein protestantischen Landstrich an der Niederelbe immer mehr Katholiken niederließen, für die bald auch eine Kirche (die erste katholische in weitem Umkreis) gebaut wurde. Viele polnisch klingende Familiennamen in der hiesigen Gegend erinnern ebenfalls an diese Zeit. Genealogisch Interessierte können übrigens in der Museumsschute gegenüber dem ehemaligen Fabrikgelände Familienforschung betreiben: Dort liegen die alten Listen aus, in denen penibel über die Arbeiter, ihre Herkunft und die Dauer ihrer Werkszugehörigkeit Buch geführt wurde.

Die Anfänge hiesiger gewerkschaftlicher Organisation liegen im Jahre 1894.1907 kam es erstmals zu einem Streik, über den die "Norddeutsche Volksstimme" berichtete: "Eine Arbeitsniederlegung der Kreidefahrer erfolgte heute in einer Stärke von 50 Mann. Der Grund war, weil man ein gegebenes Versprechen, wonach pro Wagen 1 Pfennig (sic!) mehr gezahlt werden sollte, nicht gehalten hatte." Und am 28.1.1908 heißt es in derselben Zeitung: "Die Arbeit niedergelegt haben... die Betonarbeiter des Herrn Drechsler auf der Portland-Zementfabrik hierselbst. Dieselben hatten eine Lohnforderung eingereicht, die sie nicht bewilligt erhielten. Drechsler scheint in Bezug auf Ausbeutung der Arbeiter denselben Standpunkt einzunehmen, wie die Fabrikleitung. Abweichend von diesen Gepflogenheiten eines raubsüchtigen Unternehmertums zahlt der Schornstein-Bauunternehmer Kirbich, Hamburg, wenigsten einigermaßen anständige Löhne."
Dann bemüht die Zeitung sogar die höchste irdische Autorität, um die Sache der Streikenden zu vertreten: "Doch wie die Sache auch enden mag, das Gebahren des Herrn Drechsler und der Fabrikleitung wird jedenfalls von allen anständigen Menschen verurteilt werden. Wie sagte doch vor Jahren der deutsche Kaiser? 'Wer andere an freiwilliger Arbeit hindert, muß streng bestraft werden!'"


Löhne um 1900
Bereich Akkordarbeit Stundenlohn Akkordarbeit Wochenlohn Lohnarbeit Stundenlohn Lohnarbeit Wochenlohn
Schlämmerei: 39 Pf 23,65 RM 39 Pf 22,22 RM
Presserei: 38,9 Pf 23,77 RM 30,5 Pf 18,16 RM
Packen und Verladen: 48,9 Pf 29,48 RM 32,7 Pf 19,20 RM

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